Lemgo

Schatzkammer der Sortenvielfalt: Lemgoer Obstsortendatenbank knackt Rekordmarke

today4. Januar 2026 5

Hintergrund
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Was einst als lokale Initiative begann, ist heute ein europaweit beachtetes Projekt: Die vom BUND Lemgo aufgebaute Obstsortendatenbank hat im Jahr 2025 mehr als 202.000 unterschiedliche Besucherinnen und Besucher verzeichnet – ein neuer, eindrucksvoller Rekord. Die digitale Sammlung, über Jahrzehnte mit Leidenschaft, Fachwissen und detektivischem Spürsinn aufgebaut, gilt inzwischen als einzigartiges Nachschlagewerk für historische und seltene Obstsorten und ist europaweit verlinkt.

Entstanden war die Idee aus einer praktischen Not: Auf der Lemgoer Streuobstwiese standen zahlreiche unbekannte Obstsorten, doch es fehlten Fachleute und zugängliche Bestimmungshilfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zahl der Pomologen stark geschrumpft, der Deutsche Pomologenverein bereits 1919 aufgelöst – eine Neugründung erfolgte erst 1991. Wertvolle Fachliteratur mit Farbtafeln und Sortenbeschreibungen war kaum noch greifbar. Hinzu kam, dass staatliche Prämien in den 1970er Jahren die Rodung alter Obstbestände förderten – viele Streuobstwiesen und mit ihnen unzählige historische Sorten verschwanden. Erhaltungsmaßnahmen gab es damals kaum.

Mit großem Engagement begann das Lemgoer BUND-Team daher, Sortenwerke in Antiquariaten und auf Verkaufsplattformen zu erwerben oder über Fernleihe zu beschaffen. Aus über 40 historischen Datenquellen wurden Farbtafeln und Beschreibungen gescannt und in einer öffentlich zugänglichen Online-Datenbank zusammengeführt. Heute umfasst sie bereits über 3.500 Obstsorten – frei nutzbar für private Zwecke.

Zu den besonderen Schätzen zählen die seltenen Bände der „Pomona Franconica“ von Johann Prokop Mayer aus dem 18. Jahrhundert. Nur 110 Exemplare dieses kostspielig produzierten Werkes wurden einst hergestellt, der dritte Band erschien in noch geringerer Stückzahl. In deutschen Bibliotheken ist es nur vereinzelt vorhanden, häufig sogar unvollständig. Erst durch die Kooperation mit der Deutschen Gartenbaubibliothek in Berlin und die Digitalisierung eines vollständigen Exemplars in der Nationalbibliothek Kopenhagen konnte das Werk vollständig in die Lemgoer Datenbank integriert werden.

Ebenso ausgewertet wurden die 51 Bände der Pomologischen Monatshefte (1855–1905) sowie das achtbändige „Illustrierte Handbuch der Obstkunde“ mit 1.624 Sortenporträts. Eine weitere Rarität stellen die Sortentafeln der österreichischen Zeitschrift „Nach der Arbeit“ dar. Da es kein vollständiges Exemplar gab, wurden über mehr als zehn Jahre verstreut vorhandene Sammlungen Stück für Stück zusammengetragen, ergänzt und schließlich sogar in zwei vollständigen Ausführungen gesichert. Ein Exemplar ging an die Deutsche Gartenbaubibliothek – ein wichtiger Beitrag zur Bewahrung des kulturhistorischen Erbes. Dank erworbener Nutzungsrechte konnten auch diese Tafeln in die Datenbank integriert werden.

Der Nutzen bleibt nicht theoretisch: Mit Hilfe der Datenbank konnten bereits zahlreiche verschollene oder kaum bekannte Sorten wieder identifiziert werden – darunter „Sertürners Renette“, benannt nach dem Hamelner Apotheker und Morphinentdecker Friedrich Wilhelm Adam Sertürner. Ein Exemplar dieser wiederentdeckten Sorte wächst inzwischen auf der Streuobstwiese des BUND Lemgo.

Auch überregional entfaltet die Datenbank Wirkung: Ihre Farbtafeln werden bundesweit für Obstsortenlehrpfade genutzt. Mehr als 30 solcher Lehrpfade sind inzwischen unter Mitwirkung des BUND Lemgo entstanden, in Norddeutschland vielfach gefördert von der BINGO-Umweltstiftung.

Mit ihrem Rekordergebnis und stetig wachsendem Einfluss zeigt die Lemgoer Obstsortendatenbank eindrucksvoll, dass Engagement für Natur- und Sortenschutz weit über lokale Grenzen hinaus wirken kann – und dass jede gerettete Sorte ein Stück lebendiger Kulturgeschichte bewahrt.

Geschrieben von: stanley.dost

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