Detmold

Spurensuche im Schatten der Geschichte: Lippische Landesbibliothek jagt NS-Raubgut

today19. Januar 2026

Hintergrund
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Seit Beginn des Jahres 2026 rückt ein sensibles Kapitel der deutschen Bibliotheksgeschichte erneut in den Fokus: Die Lippische Landesbibliothek / Theologische Bibliothek und Mediothek untersucht systematisch ihre Bestände auf mögliches NS-Raubgut. Im Zentrum der Recherche stehen Medien, die zwischen 1933 und 1945 unrechtmäßig entzogen worden sein könnten Zeugnisse einer Zeit, in der Kultur und Wissen politisch instrumentalisiert wurden, berichten Medien.

Mit der Provenienzforschung wurde die Kulturwissenschaftlerin Antonia Reck beauftragt, die für ein Jahr eigens für dieses Projekt eingestellt wurde. Ihr erster Untersuchungsgegenstand ist die sogenannte „Zeitgeschichtliche Sammlung“ des früheren Bibliotheksleiters Eduard Wiegand (1893–1979). Wiegand, der die Bibliothek während der NS-Zeit führte und als überzeugter Nationalsozialist galt, trug eine ebenso widersprüchliche wie brisante Sammlung zusammen: Neben nationalsozialistischem Schrifttum fanden sich darin auch Werke von Regimegegnern sowie von verfolgten und entrechteten Personen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde diese Sammlung aufgelöst und größtenteils unauffällig in den regulären Bibliotheksbestand integriert. Genau hier setzt die heutige Recherche an. In den kommenden zwölf Monaten sollen verdächtige Medien identifiziert und ihre Herkunft akribisch geprüft werden. Die Erwartungen sind klar: Frühere Eigentümer könnten Gewerkschaften, Freimaurerlogen, jüdische Institutionen oder Privatpersonen aus Westfalen-Lippe gewesen sein Gruppen, die besonders häufig Opfer von Enteignung und Beschlagnahmung wurden.

Die Landesbibliothek sieht sich dabei in einer besonderen Verantwortung. Grundlage der Arbeit sind die sogenannten Washingtoner Prinzipien, die von 44 Staaten verabschiedet wurden. Sie formulieren Leitlinien für den Umgang mit Kulturgütern, die während der NS-Zeit beschlagnahmt oder unter Zwang veräußert wurden. Ziel ist es, gerechte und faire Lösungen für die Nachkommen der ursprünglichen Eigentümer zu finden auch dann, wenn dies schmerzhafte Rückgaben bedeutet.

Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen sowie vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. Fachlich begleitet wird die Recherche von der Koordinationsstelle für Provenienzforschung in NRW (KPF.NRW). Was heute als nüchterne Bestandsprüfung beginnt, könnte sich schon bald als moralische Bewährungsprobe erweisen – für die Institution ebenso wie für den Umgang mit der eigenen Geschichte.

Kommentar

Die Untersuchung der Bibliotheksbestände ist mehr als ein verwaltungstechnischer Akt. Sie ist ein notwendiger Schritt, um historisches Unrecht sichtbar zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Gerade Bibliotheken, Orte des Wissens und der Aufklärung, tragen eine besondere Pflicht, ihre eigenen Verstrickungen in die NS-Zeit offenzulegen. Provenienzforschung ist keine rückwärtsgewandte Schulddebatte, sondern ein aktiver Beitrag zu Gerechtigkeit und historischer Ehrlichkeit. Dass sich die Lippische Landesbibliothek dieser Aufgabe stellt, sendet ein wichtiges Signal: Erinnerung endet nicht im Archiv sie beginnt dort.

Geschrieben von: Matthias Masnata

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