Zwischen Gerüchten, Technik-Fakten und Umweltzweifeln
Leere Zapfsäulen, verunsicherte Autofahrerinnen und Autofahrer, hitzige Debatten: Die Einführung von Super E10 im Jahr 2011 zählt zu den holprigsten Kraftstoffstarts in Deutschland. 15 Jahre später haftet dem Benzin mit bis zu zehn Prozent Bioethanol noch immer ein schlechter Ruf an obwohl es günstiger ist und die meisten Autos es problemlos vertragen, berichten Medien.
Mythen rund um E10 halten sich hartnäckig
„E10 schadet dem Motor“, „Ethanol greift Dichtungen an“ oder „das Motoröl wird durch Wasser verdünnt“ solche Aussagen kursieren bis heute in Internetforen. Ralf Marquard, Sprecher des Expertengremiums Antriebe im Verein Deutscher Ingenieure (VDI), hält diese Ängste für überzogen. Schon herkömmliches Super-Benzin enthalte bis zu fünf Prozent Ethanol. „Fünf Prozentpunkte mehr sind technisch kaum relevant und das Risiko entsprechend gering“, sagt der Motorenexperte.
Nur Oldtimer sind wirklich betroffen
Tatsächlich gebe es nur wenige Fahrzeuge, die E10 nicht vertragen. Dabei handle es sich fast ausschließlich um ältere Modelle und Oldtimer, bei denen bestimmte Bauteile korrosionsanfällig sein könnten. Moderne Fahrzeuge seien längst auf unterschiedliche Kraftstoffe ausgelegt. Selbst lange Standzeiten oder selten genutzte Verbrennungsmotoren etwa bei Plug-in-Hybriden stellten laut Experten kein Problem dar.
ADAC fordert mehr Mut an der Zapfsäule
Auch der ADAC sieht E10 als sichere und sinnvolle Alternative zu E5. Fahrzeuge ab Baujahr 2012 seien nicht gefährdet. Der Automobilclub hält es sogar für denkbar, dass künftig wie in anderen europäischen Ländern überwiegend E10 angeboten wird. Tankstellenbetreiber versprechen sich davon einfachere Logistik und mehr Platz für neue, klimafreundlichere Kraftstoffe wie HVO100-Diesel.
Einige Fachleute denken noch weiter: E20 mit 20 Prozent Ethanol-Anteil könnte der nächste Schritt sein. Für Fahrzeuge, die damit nicht zurechtkommen, bliebe Super Plus als Ausweichoption.
Trauma von 2011 sitzt tief
Dass diese Vorschläge politisch heikel sind, zeigt der Blick zurück: Als Autofahrerinnen und Autofahrer E10 2011 mieden, kam es zu Engpässen bei Super Plus. Ein „Benzin-Gipfel“ unter Leitung des damaligen Wirtschaftsministers Rainer Brüderle sollte Vertrauen schaffen. Doch der Imageschaden war angerichtet und wirkt bis heute nach.
Nur ein Viertel greift zu E10
Noch immer tankt in Deutschland nur rund ein Viertel der Kundschaft E10. Dabei ist der Kraftstoff meist fünf bis sechs Cent pro Liter günstiger. Zwar steigt der Verbrauch wegen des geringeren Energiegehalts um bis zu zwei Prozent, doch unterm Strich bleibe E10 günstiger, betont Marquard.
Umweltnutzen umstritten
Ökologisch bleibt E10 ein Streitfall. Während Befürworter auf nachwachsende Rohstoffe verweisen, kritisiert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die CO₂-Bilanz. Der Anbau von Mais oder Zuckerrüben für Bioethanol verbrauche Fläche, Energie und Dünger mit negativen Folgen für Klima und Umwelt. Die bessere Lösung sei die Elektromobilität, so der BUND.
Ein vertrautes Muster
Ironisch: Viele Argumente, die einst gegen E10 vorgebracht wurden, tauchen heute auch in der Debatte um das E-Auto auf. Vorbehalte, Halbwissen und alte Mythen prägen die Diskussion – damals wie heute.

