ICE gegen Heilquelle: Wie die Deutsche Bahn Bad Salzuflen aufs Spiel setzt – Lemgo Radio Nachrichten
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ICE gegen Heilquelle: Wie die Deutsche Bahn Bad Salzuflen aufs Spiel setzt

Stanley Dost und Isabelle Zimmermann

Was als „Bürgerdialog“ angekündigt war, entwickelte sich zu einer der aufgeladensten Debatten der letzten Jahre. Lemgo Radio war vor Ort und hat sich das angeschaut.

Was als „Bürgerdialog“ angekündigt war, entwickelte sich zu einer der aufgeladensten Debatten der letzten Jahre. Lemgo Radio war vor Ort und hat sich das angeschaut. In der Konzerthalle in Bad Salzuflen prallten Zukunftsversprechen der Deutsche Bahn auf Existenzängste einer Kurstadt – und auf das Misstrauen von Bürgerinnen und Bürgern, die sich übergangen fühlen.

Worum geht es wirklich?

Die Bahn plant neue Streckenabschnitte zwischen Hannover und Bielefeld, um den Engpass auf dieser wichtigen Ost-West-Achse zu entschärfen. Mehr Gleise, mehr Züge, höhere Kapazitäten – so das Versprechen. Eine mögliche Trassenführung soll durch den Raum Bad Salzuflen oder über Herford verlaufen.

Die Bahn argumentiert mit gestiegenen Fahrgastzahlen – sogar höher als vor Corona – und mit Klimaschutz. Mehr Schiene, weniger Straße, weniger CO₂. Klingt logisch. Doch genau hier beginnt der Streit.

Heilquellen, Wasseradern, Tourismus – und die große Angst

Bad Salzuflen ist Kurstadt. Die Heilquellen sind ihr Herz. Und genau dieses Herz könnte getroffen werden. Bürgerinnen und Bürger fragen: Was passiert mit den sensiblen Wasseradern, den Bohrungen, den Brunnen, aus denen Trinkwasser gewonnen wird? Antworten? Vage. Zu viele Unbekannte. Zu wenig Kontrolle. Die Folgeschäden seien „noch unklar“, Untersuchungen würden „über Jahre“ laufen. Für viele im Saal klingt das wie ein Experiment auf Kosten der Stadt – und der Menschen, die hier leben.

Der Tourismus, die Existenzgrundlage zahlreicher Betriebe, steht ebenfalls im Raum. Wenn Heilquellen versiegen oder beeinträchtigt werden: Was bleibt dann von Bad Salzuflen?

Naturschutz? Zweitrangig.

Ein weiterer Vorwurf: Der Naturschutz werde zwar erwähnt, aber kaum ernsthaft berücksichtigt. Massive Erdarbeiten, Tunnel, tonnenweise Aushub, LKW-Kolonnen – und das alles in sensiblen Gebieten. In Brake bei Bielefeld etwa verlaufen zahlreiche Öl- und Versorgungsleitungen, die möglicherweise verlegt oder überbaut werden müssten. Jeder Punkt werde „einzeln geprüft“, heißt es. Doch Vertrauen entsteht so nicht.

CO₂-Argumente unter Beschuss

Die Bahn spricht von CO₂-Einsparungen. Die Bürger kontern: Wie belastbar sind diese Zahlen? Wie will man Jahrzehnte im Voraus rechnen, wenn sich Mobilität, E-Autos, Verkehrsverhalten und Technologie ständig ändern? Und wie passt das mit dem massiven CO₂-Ausstoß durch Bauarbeiten, LKW-Verkehr und Tunnelbau zusammen? Der „Treibhausgas-Haushalt“ blieb schwammig – für viele ein rotes Tuch.

Lockhausen: Wenn ein Sportplatz zur Kollateralschaden-Zone wird

Besonders emotional wurde es beim Thema Lockhausen. Dort könnte ein Sportplatz durchschnitten werden. Ein Verein mit rund 900 Mitgliedern stünde plötzlich ohne Heimat da. Die Frage im Saal: Wie entschädigt man ein Vereinsleben? Die Bezirksregierung Detmold will neu zuweisen, Ersatzflächen prüfen, notfalls entschädigen. Doch selbst Befürworter räumen ein: Da passt was nicht. Planung auf dem Reißbrett – Leben vor Ort.

„Diese Strecke braucht kein Mensch“

Dieser Satz fiel mehrfach. Laut, wütend, frustriert. Viele Anwohner halten die Neubaustrecke für unnötig. Sanierung ja, Kapazitätsausbau ja – aber nicht um jeden Preis, nicht durch Kurorte, nicht durch Trinkwasseradern, nicht durch Vereinsgelände.

Ein Projekt, das spaltet

Der Bürgerdialog zeigte vor allem eines: Die Fronten sind verhärtet. Die Bahn wirbt mit Zukunft, Effizienz und Klima. Die Menschen vor Ort sehen Risiken, Unsicherheit und den möglichen Verlust dessen, was ihre Stadt ausmacht.

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