Dollar unter Druck, Euro im Aufwind: EZB zeigt Kante gegenüber den USA – Lemgo Radio Nachrichten
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Dollar unter Druck, Euro im Aufwind: EZB zeigt Kante gegenüber den USA

Florian Jäger

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer heiklen Lage: Die deutliche Abwertung des US-Dollars könnte sie schon bald zu geldpolitischen Reaktionen zwingen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer heiklen Lage: Die deutliche Abwertung des US-Dollars könnte sie schon bald zu geldpolitischen Reaktionen zwingen. Gleichzeitig positionieren sich Europas Währungshüter demonstrativ gegen politische Angriffe aus den USA und verteidigen die Unabhängigkeit der Notenbanken, berichten Medien.

Eklat beim Weltwirtschaftsforum in Davos

Ausgerechnet beim exklusiven Weltwirtschaftsforum im Schweizer Nobelkurort Davos kam es jüngst zu einem diplomatischen Eklat. Während eines hochrangig besetzten Abendessens verließ EZB-Präsidentin Christine Lagarde demonstrativ den Saal. Auslöser war eine aggressive Tischrede des US-Handelsministers Howard Lutnick, der Europa mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, zu viel Regulierung und eine gescheiterte Klima- und Handelspolitik vorwarf.

Die Reaktionen im Saal waren deutlich: Die britische Finanzministerin Rachel Reeves zeigte sich sichtlich irritiert, der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore buhte Lutnick sogar offen aus. Gastgeber Larry Fink, Chef des Vermögensverwalters BlackRock, brach das Dinner schließlich ab der Nachtisch blieb unserviert.

Lagarde verteidigt die Unabhängigkeit der Notenbanken

Christine Lagarde gilt seit Längerem als eine der wenigen europäischen Spitzenvertreterinnen, die der aggressiven Wirtschafts- und Handelspolitik der USA offen entgegentreten. Bereits beim EZB-Forum im portugiesischen Sintra hatte sie dem US-Notenbankchef Jerome Powell demonstrativ den Rücken gestärkt, nachdem dieser wiederholt von US-Präsident Donald Trump attackiert worden war.

Lagarde warnte eindringlich davor, das „öffentliche Gut der Preisstabilität“ politisch zu instrumentalisieren. Die Solidaritätsbekundungen für Powell reichten dabei weit über Europa hinaus ein klares Signal aus der internationalen Notenbankwelt.

Sorge um Vertrauen in den Dollar

Hinter dieser Geschlossenheit steckt mehr als Symbolik. Die europäischen Währungshüter fürchten, dass politische Eingriffe in die Unabhängigkeit der US-Notenbank das Vertrauen in den Dollar nachhaltig beschädigen könnten. Genau diese Entwicklung zeichnet sich bereits ab: Der Dollar fiel zuletzt gegenüber dem Euro auf den tiefsten Stand seit über vier Jahren. Zeitweise kostete ein Euro rund 1,20 US-Dollar.

Großinvestoren reagieren zunehmend nervös. Mehrere Pensionsfonds unter anderem aus Dänemark und Schweden kündigten an, ihre Engagements in US-Staatsanleihen zu reduzieren oder ganz abzubauen. Auch Investoren aus anderen Teilen der Welt sowie China stoßen Dollar-Bestände ab. Der Vertrauensverlust trifft die Weltleitwährung empfindlich.

EZB vor schwieriger Entscheidung

Für Europa hat die Dollarschwäche gleich zwei Seiten. Einerseits drohen Turbulenzen im globalen Finanzsystem, sollte das Vertrauen in den Dollar weiter schwinden. Andererseits führt der starke Euro zu Problemen für die europäische Exportwirtschaft, deren Produkte auf dem US-Markt an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Positiv wirkt sich hingegen aus, dass Importe günstiger werden und die Inflation gedämpft wird.

Die EZB hatte zuletzt signalisiert, vorerst keine weiteren Zinssenkungen vorzunehmen. Doch sollte der Euro weiter aufwerten, könnte ein Kurswechsel nötig werden. Mehrere Notenbanker halten erneute Zinssenkungen für denkbar auch wenn bei der aktuellen Ratssitzung noch nicht damit gerechnet wird.

Abschied von der Dollar-Dominanz?

Einige Ökonomen sehen in der aktuellen Entwicklung sogar Anzeichen für einen schleichenden Machtwechsel im globalen Währungssystem. Der Euro könnte langfristig an Bedeutung gewinnen, während die Rolle des Dollars als Weltleitwährung bröckelt. Christine Lagarde ließ diese Debatte in Davos unausgesprochen ihre demonstrative Geste sprach jedoch für sich.

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