Kaum hörbares Flüstern, rhythmisches Klopfen von Fingernägeln auf Glas, das sanfte Rascheln von Papier direkt am Ohr was für viele alltäglich klingt, hat sich im Internet zu einem globalen Phänomen entwickelt. Unter dem Kürzel ASMR erleben Millionen Menschen weltweit eine neue Form digitaler Entspannung, berichten Medien.
ASMR steht für „Autonomous Sensory Meridian Response“. Gemeint ist ein angenehmes Kribbeln auf der Haut oder im Kopf, das durch bestimmte Geräusche ausgelöst werden kann. Besonders beliebt sind sogenannte „Trigger“: leises Flüstern, das Tippen von Nägeln auf Oberflächen, Bürstenbewegungen oder sanfte Mundgeräusche.
Eine der bekanntesten Stimmen der deutschsprachigen Szene ist die Creatorin Miss Mi. In ihren Videos spricht sie leise, beinahe vertraulich in die Kamera, während sie etwa einen Parfümflakon beklopft oder sich in einem detailreichen Beauty-Rollenspiel schminkt. Rund 60.000 Zuschauer verfolgen im Schnitt diese ruhigen Inszenierungen, die oft mehr als 20 Minuten dauern. Für viele Fans sind sie eine feste Abendroutine.
Der Ursprung des Begriffs ASMR reicht in die frühen 2010er-Jahre zurück. Der US-Physiologe Craig Richard untersuchte erstmals wissenschaftlich, warum bestimmte Klänge bei manchen Menschen intensive Entspannungsgefühle auslösen. Seine Studien legen nahe, dass dabei Hirnregionen aktiviert werden, die mit sozialer Nähe, Belohnung und Wohlbefinden verbunden sind.
Ganz unumstritten ist die Forschung allerdings nicht. Psychologen weisen darauf hin, dass noch nicht abschließend geklärt ist, welche biologischen Prozesse tatsächlich hinter dem Effekt stehen. Zwar wird vermutet, dass das Bindungshormon Oxytocin eine Rolle spielt, eindeutige Belege dafür fehlen bislang.
Während manche Zuhörer von wohltuender Entspannung berichten, reagieren andere genau gegenteilig. Bei der sogenannten Misophonie lösen Geräusche wie Schmatzen oder Schlucken sogar Ekel oder starke Abneigung aus. Auch dieses Phänomen wird derzeit verstärkt wissenschaftlich untersucht.
Unabhängig von der Forschung boomt ASMR vor allem in sozialen Netzwerken. Internationale Creator erreichen mit ihren Videos Millionen Klicks. Die Inhalte reichen von einfachen Klopfgeräuschen bis hin zu aufwendig produzierten Rollenspielen, bei denen Zuschauer etwa eine imaginäre Behandlung im Spa oder beim Friseur erleben.
Miss Mi gehört mit mehreren Millionen Followern auf Plattformen wie YouTube und TikTok zu den erfolgreichsten Vertreterinnen im deutschsprachigen Raum. Der Großteil ihrer Community nutzt die Videos, um einzuschlafen, Stress abzubauen oder sich besser konzentrieren zu können. Für viele ist ASMR eine Art moderne Meditation jederzeit abrufbar auf dem Smartphone.
Doch die Faszination geht über reine Entspannung hinaus. Psychologen sprechen von sogenannten parasozialen Beziehungen. Zuschauer erleben eine scheinbar persönliche Nähe zu den Creatorinnen, obwohl die Interaktion nur einseitig stattfindet. Gerade in einer zunehmend digitalen und oft überreizten Welt scheint diese sanfte Form der Aufmerksamkeit für viele Menschen besonders attraktiv zu sein.
Was als Nischenphänomen begann, hat sich längst zu einem lukrativen Geschäft entwickelt. Creator kooperieren mit Marken, integrieren Produkte als „Trigger“ in ihre Videos oder bauen ganze Geschäftsmodelle rund um das Flüstern und Knistern auf. Der leise Trend ist damit zu einem lauten Wirtschaftsfaktor geworden.

