Frauen auf der Überholspur: Wie sie das Kfz-Gewerbe neu erfinden – Lemgo Radio Nachrichten
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Frauen auf der Überholspur: Wie sie das Kfz-Gewerbe neu erfinden

Florian Jäger

Scheibenwischer, Blinker, Bremslichter viele Meilensteine der Automobilgeschichte gehen auf das Konto kluger Frauen.

Scheibenwischer, Blinker, Bremslichter viele Meilensteine der Automobilgeschichte gehen auf das Konto kluger Frauen. Bertha Benz schrieb mit ihrer legendären Pionierfahrt Geschichte, Clärenore Stinnes umrundete 1929 als erster Mensch mit dem Auto die Welt. Doch lange wurden diese Leistungen übersehen.

Heute ist spürbar: Frauen kehren nicht nur als Kundinnen, sondern zunehmend als Fachkräfte in die Welt der Fahrzeuge zurück und verändern die Branche nachhaltig.

Im Jahr 2024 erreichte die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge im Kfz-Gewerbe laut Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe den höchsten Stand seit 20 Jahren. Auffällig dabei: Immer mehr junge Frauen entscheiden sich für technische Berufe. 1.509 angehende Kfz-Mechatronikerinnen zählte das Bundesinstitut für Berufsbildung im vergangenen Jahr ein Plus von 52,5 Prozent im Vergleich zu 2019. Ihr Anteil liegt bei 6,2 Prozent.

Auch bei den Automobilkaufleuten wächst der Frauenanteil deutlich inzwischen auf 40,5 Prozent, ein Anstieg um 23,3 Prozent binnen sechs Jahren. Bei den Fahrzeuglackiererinnen beträgt das Plus sogar 33 Prozent. Noch sind Frauen im Kfz-Gewerbe in der Minderheit. Doch die Dynamik ist bemerkenswert.

Kleine Quote, große Bewegung

Dieser Wandel zeigt sich auch bei der KÜS-Akademie. In der Ausbildungsstätte für Prüfingenieurinnen und -ingenieure liegt der Frauenanteil aktuell bei 2,5 Prozent. Doch der Trend ist eindeutig: Innerhalb von 20 Jahren hat sich der Anteil verzehnfacht, allein in den vergangenen zehn Jahren stieg er um 127 Prozent.

„Ohne gezielte Förderung weiblicher Talente wird sich die Fachkräftelücke in der Kfz-Branche kaum schließen lassen“, sagt Sebastian Finkler, Leiter der KÜS Akademie GmbH. Flexible Modelle, neue Strukturen und gezielte Weiterbildung seien entscheidend, um qualifizierte Frauen zu gewinnen.

Sie schrauben am Klischee

Wie das in der Praxis aussieht, zeigen Frauen wie Nicole Ebert-Hofer. Als sie 2013 ihre Ausbildung zur Prüfingenieurin begann, begegnete man ihr mit Skepsis. Kunden fragten, ob sie „das könne“ oder überhaupt Auto fahren dürfe. Heute werde sie gezielt angefragt, wenn Werkstätten nicht weiterwissen. „Dann zählt nur die Expertise nicht, ob ich Nicole heiße oder Nico“, sagt sie.

Auch Gabriele Baur schätzt die neu gewonnene Unabhängigkeit. Als alleinerziehende Mutter konnte sie dank flexibler Arbeitszeiten Familie und Beruf verbinden und sich wirtschaftlich selbstständig machen. Alexandra Blum aus Lemgo ging noch einen Schritt weiter: Prüfberichte schrieb sie zeitweise mit ihrem Kleinkind in der Bauchtrage. Für sie kein Balanceakt, sondern gelebte Vereinbarkeit.

Zukunft braucht Vielfalt

Die Mobilität befindet sich im Umbruch: Digitalisierung, alternative Antriebe, autonomes Fahren. Mit den technischen Veränderungen wachsen die Anforderungen an Prüfprozesse, Sicherheitsstandards und Fachwissen. „Vielfältige Teams und unterschiedliche Perspektiven sind heute wichtiger denn je“, betont KÜS-Hauptgeschäftsführer Peter Schuler.

Die Geschichte der Frauen im Automobil ist also nicht nur eine Geschichte der Vergangenheit. Sie ist eine der Gegenwart und vor allem eine der Zukunft.

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