Pflege vor dem Kollaps? Milliardenloch droht Reformdruck auf Regierung wächst – Lemgo Radio Nachrichten
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Pflege vor dem Kollaps? Milliardenloch droht Reformdruck auf Regierung wächst

Florian Jäger

Die soziale Pflegeversicherung steht finanziell mit dem Rücken zur Wand.

Die soziale Pflegeversicherung steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Nur dank eines staatlichen Darlehens in Höhe von 500 Millionen Euro konnte sie 2025 überhaupt eine „schwarze Null“ erreichen mit einem hauchdünnen Plus von gerade einmal zehn Millionen Euro. Ohne Hilfe aus Berlin wäre das System bereits ins Minus gerutscht, berichten Medien.

Oliver Blatt, Chef des GKV-Spitzenverband, spricht Klartext: Das ausgeglichene Ergebnis sei nur durch das Bundesdarlehen möglich gewesen. Für 2026 zeichne sich zwar rechnerisch ein Überschuss von 400 Millionen Euro ab doch auch hier stützt ein weiteres Darlehen von 3,2 Milliarden Euro die Bilanz. „Das ehrliche Ergebnis ist ein Minus von 2,8 Milliarden Euro“, warnt Blatt. Für 2027 droht nach aktueller Prognose sogar ein Defizit von knapp fünf Milliarden Euro.

Beiträge steigen Ausgaben explodieren

Anfang 2025 wurden die Beiträge bereits um 0,2 Prozentpunkte angehoben. Aktuell zahlen Versicherte mit einem Kind 3,6 Prozent ihres Bruttolohns, Kinderlose 4,2 Prozent. Die Einnahmen stiegen dadurch um elf Prozent auf 72,5 Milliarden Euro.

Doch die Ausgaben kletterten noch schneller: 73,8 Milliarden Euro verschlang die Pflege 2025 ein Plus von 8,2 Prozent. Für 2026 rechnen die Kassen sogar mit 79 Milliarden Euro. Die Beitragseinnahmen dürften dagegen nur noch auf 75,3 Milliarden Euro wachsen. Die Lücke wird erneut mit Milliarden aus dem Bundeshaushalt gestopft.

Mehr Pflegebedürftige, höhere Personalkosten

Die strukturellen Ursachen sind seit Jahren bekannt. Die Zahl der Pflegebedürftigen ist auf 5,6 Millionen Menschen gestiegen Tendenz weiter steigend. Auch eine Reform aus dem Jahr 2017 mit erweiterten Kriterien für Pflegebedürftigkeit treibt die Zahlen.

Hinzu kommen steigende Personalkosten. Seit 2022 dürfen Pflegekassen Versorgungsverträge nur noch mit Einrichtungen schließen, die nach Tarif oder tarifähnlich bezahlen. Das verbessert die Situation der Pflegekräfte verteuert aber das System erheblich.

Heimbewohner zahlen immer mehr selbst

Die Folgen spüren Betroffene direkt. Im ersten Jahr im Pflegeheim müssen Bewohner bundesweit durchschnittlich 3.245 Euro monatlich aus eigener Tasche zahlen. Das sind 261 Euro mehr als Anfang 2025. Denn anders als die Krankenversicherung deckt die Pflegeversicherung nur einen Teil der Kosten ab. Unterkunft, Verpflegung und Investitionen kommen obendrauf.

Reformpläne auf dem Tisch aber wann kommt die Entscheidung?

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hatte bereits Reformvorschläge vorgestellt. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz sieht weiteren Beratungsbedarf. Bund und Länder wollen noch in diesem Jahr eine umfassende Pflegereform auf den Weg bringen.

Im Gespräch sind mehr Steuermittel, eine Deckelung der Eigenanteile oder strukturelle Änderungen im System. Eine vollständige Pflegevollversicherung, die sämtliche Kosten übernimmt, lehnt Warken bislang ab.

Für Verbandschef Blatt ist klar: „Immer höhere Beiträge und weiter steigende Eigenanteile sind keine tragfähigen Optionen.“ Die Zeit drängt denn ohne grundlegende Stabilisierung droht der Pflegeversicherung ein Milliardenloch mit gravierenden Folgen für Millionen Menschen.

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