Seltene Apfelsorten für die Zukunft: Lemgoer Projekt bewahrt historische Obstschätze – Lemgo Radio Nachrichten
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Seltene Apfelsorten für die Zukunft: Lemgoer Projekt bewahrt historische Obstschätze

Stanley Dost

BUND Lemgo und die Obstbaumschule Eikermann erweitern ihr Sortenerhaltungsprojekt um sechs außergewöhnliche Apfelsorten

Alte Apfelsorten sind mehr als nur Obst – sie sind lebendige Kulturgüter. Um diese wertvollen Sorten zu bewahren, arbeiten der BUND Lemgo und die Obstbaumschule Eikermann seit Jahren zusammen. In diesem Jahr wird das erfolgreiche Apfelsortenerhaltungsprojekt um sechs besonders seltene und historisch bedeutende Sorten erweitert.

Die traditionsreiche Obstbaumschule Eikermann im Kalletal, ein Familienbetrieb mit über 100-jähriger Geschichte, wird heute von Ralf Eikermann geführt. Seit vielen Jahren engagiert sich die Baumschule für den Erhalt regionaler und alter Obstsorten. Auch 2026 trägt sie wieder dazu bei, seltene Apfelsorten durch Veredelung zu sichern.

Die dafür benötigten Edelreiser übergab Willi Hennebrüder vom BUND Lemgo persönlich an Ralf Eikermann. Mit ihnen sollen sechs außergewöhnliche Apfelsorten wieder vermehrt und langfristig erhalten werden.

Zu den neu aufgenommenen Sorten gehört das Lippische Tiefenblümchen, eine Apfelsorte, die bereits vor 1800 entstand und früher in ganz Lippe verbreitet war. Besonders Konditoren schätzten sie wegen ihres Aromas für Apfelkuchen.

Ebenfalls bemerkenswert ist der Deutsche Goldpepping, der 1833 erstmals beschrieben wurde und lange als verschollen galt. Erst durch den Pomologen Anton Klaus aus Bayern wurde die Sorte wiederentdeckt, der auch Edelreiser nach Lemgo schickte.

Eine weitere Rarität ist der Himbeerapfel aus Holowaus mit böhmischen Wurzeln. Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand soll ihn einst als „feinsten und besten Apfel der ganzen Monarchie“ bezeichnet haben.

Mit dem Purpurroten Wintercousinot wird zudem eine sehr seltene historische Sorte vermehrt, die bereits 1758 vom Pomologen Knoop beschrieben wurde. Besonders bemerkenswert ist ihre lange Lagerfähigkeit bis in den April hinein.

Eine bewegte Geschichte hat auch die Sertürners Renette. Die Sorte entstand vor 1840 und wuchs lange im Garten des berühmten Apothekers und Morphin-Entdeckers Friedrich Sertürner in Hameln. Nachdem sie fast verschwunden war, konnte sie 2006 auf Initiative des BUND Lemgo wiederentdeckt werden – gerettet durch einen einzigen Baum, den eine Nachfahrin des Apothekers durch Veredelung bewahrt hatte.

Die sechste Sorte, die Gaesdoncker Renette, geht auf das Kloster Gaesdonck bei Goch zurück. Als Napoleon das Kloster 1802 schließen ließ, sorgte der Pfarrer Peter van de Loo – wegen seiner Leidenschaft für Obstsorten „Appelepitt“ genannt – dafür, dass diese wertvolle Sorte erhalten blieb. 1821 beschrieb der bekannte Pomologe Dr. August Friedrich Diel den Apfel erstmals wissenschaftlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die Sorte jedoch erneut als verschollen, bis ein alter Baum zufällig von dem Pomologen Fritz Renner entdeckt wurde, der daraufhin Edelreiser nach Lemgo sandte.

Besonders interessant: Für vier der sechs Sorten liegen bereits Untersuchungen zum Polyphenolgehalt vor. Die Werte sind hoch bis sehr hoch – ein Hinweis darauf, dass diese Äpfel oft auch von Apfelallergikern gut vertragen werden.

Ralf Eikermann freut sich, durch die Veredelung zur Rettung dieser seltenen Apfelsorten beitragen zu können. Wenn alles planmäßig verläuft, könnten die ersten Jungbäume bereits im Herbst verfügbar sein. Aufgrund der begrenzten Anzahl sind Vorbestellungen ausdrücklich erwünscht.

Weitere Informationen zu den neuen Apfelsorten können per E-Mail bei der Obstbaumschule Eikermann oder beim BUND Lemgo unter kontakt@bund-lemgo.de angefordert werden.

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