Beim Autobauer Volkswagen spitzt sich der Machtkampf zwischen Vorstand und Betriebsrat zu, wie das Handelsblatt berichtet. Auslöser ist ein unerwartet hoher freier Cashflow von rund sechs Milliarden Euro, über dessen Verwendung nun heftig gestritten wird. Auf einer Betriebsversammlung griff Betriebsratschefin Daniela Cavallo insbesondere Rechtsvorstand Manfred Döss ungewöhnlich scharf an.
Der Betriebsrat fordert seit Wochen eine Anerkennungsprämie für die Beschäftigten, damit die zusätzlichen Mittel nicht ausschließlich in Dividenden für Aktionäre oder Boni für das Management fließen. „Alle oder keiner – fair muss es sein“, erklärte Cavallo vor der Belegschaft in Wolfsburg.
Doch eine Einigung mit dem Vorstand lässt weiter auf sich warten. Nach Angaben Cavallos hat das Management ein externes Rechtsgutachten eingeholt. Dieses komme zu dem Schluss, dass eine Sonderprämie kurz vor der anstehenden Betriebsratswahl problematisch sein könnte, da sie als Einflussnahme auf die Wahl gewertet werden könne. Da solche rechtlichen Fragen in den Zuständigkeitsbereich von Rechtsvorstand Manfred Döss fallen, geriet dieser besonders in die Kritik der Arbeitnehmerseite.
Cavallo zeigte sich von dieser Argumentation wenig überzeugt. In der Vergangenheit seien ähnliche Bonuszahlungen auch in Wahljahren beschlossen worden. Der Betriebsrat halte daher weiter an seiner Forderung fest und sehe die Prämie als Frage der Fairness gegenüber der Belegschaft.
Ein Sprecher des Unternehmens erklärte, der Konzernvorstand werde sich mit der Forderung nach einer Anerkennungsprämie befassen. Auf der Betriebsversammlung sei dies deutlich gemacht worden.
Der Konflikt hat zusätzliche Brisanz, weil Döss als enger Vertrauter der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch gilt. Zudem wird er im Konzern als möglicher Kandidat für den Vorsitz des Aufsichtsrats gehandelt. Der amtierende Aufsichtsratschef Hans-Dieter Pötsch könnte sein Amt bei der Hauptversammlung im Mai abgeben, da er in diesem Jahr 75 Jahre alt wird. Eine solche Personalentscheidung wäre jedoch kaum gegen den Widerstand des Betriebsrats und des Landes Niedersachsen durchzusetzen, das rund 20 Prozent der Stimmrechte hält.
Die Auseinandersetzung fällt zudem in eine politisch sensible Phase: Ab Montag wählen die Volkswagen-Beschäftigten ihre Betriebsratsvertretung für die kommenden vier Jahre. Cavallo, die als Favoritin für eine weitere Amtszeit gilt, sprach auf der Versammlung mehrfach von einer Vertrauensfrage gegenüber dem Vorstand und kritisierte dessen Kommunikation in den vergangenen Wochen.
Neben der Cashflow-Debatte stellte die Betriebsratschefin auch strategische Forderungen an die Konzernführung. Aus Sicht des Betriebsrats müsse die Steuerung der Marken stärker aus der Wolfsburger Zentrale erfolgen. In Bereichen wie Software, Plattformstrategie oder Produktion fehle es derzeit an klarer Koordination.
Gleichzeitig versuchte Cavallo, Sorgen um die Zukunft des Stammwerks Wolfsburg zu zerstreuen. Erstmals präsentierte sie die Silhouette der kommenden Golf-Generation. Der nächste Golf soll rein elektrisch sein und auf der neuen Konzernplattform SSP basieren. Für Wolfsburg seien bereits zwei entsprechende Modelle fest eingeplant, sodass das Werk auch künftig eine zentrale Rolle im Elektroprogramm des Konzerns spielen soll.

