Während viele Handwerksbetriebe weiterhin dringend Fachkräfte suchen, zeichnet sich eine überraschende Entwicklung ab: Immer mehr junge Menschen darunter auch Abiturienten interessieren sich wieder für eine Ausbildung im Handwerk. Das zeigen aktuelle Zahlen aus Nordrhein-Westfalen, berichten Medien.
Der Bedarf ist groß. Deutschlandweit fehlen schätzungsweise rund 200.000 Fachkräfte im Handwerk. Auch in NRW bleiben tausende Stellen unbesetzt. Gleichzeitig entdecken immer mehr Schulabgänger die Vorteile einer handwerklichen Ausbildung und entscheiden sich bewusst gegen ein klassisches Studium.
Ein Grund dafür könnte die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt sein. Laut Daten der Bundesagentur für Arbeit ist die Arbeitslosenquote unter Akademikern zuletzt gestiegen. Lag sie vor der Pandemie noch bei 2,1 Prozent, erreichte sie 2025 mit 3,3 Prozent den höchsten Stand seit zehn Jahren.
Trotzdem bleibt ein Studium weiterhin eine attraktive Option, erklärt Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Akademiker hätten im Schnitt weiterhin die niedrigsten Arbeitslosenquoten und die höchsten Einkommen. Doch der Weg dorthin dauert oft viele Jahre.
Genau hier sehen Experten einen Vorteil des Handwerks. Laut Zukunftsforscher Hartwin Maas vom Institut für Generationenforschung können junge Menschen im Handwerk früher Geld verdienen und schneller finanziell unabhängig werden. Während Studierende häufig erst Mitte 20 ins Berufsleben starten, verdienen Auszubildende bereits während ihrer Ausbildung.
Auch beim Einkommen kann sich das Handwerk sehen lassen. Laut Gehaltsvergleich des Portals Kununu verdienen Menschen mit Meisterabschluss teilweise sogar mehr als Beschäftigte mit einem Bachelorabschluss.
Hinzu kommen gute Karrierechancen. Der Weg vom Lehrling über den Gesellen bis zum Meister ist im Handwerk klar strukturiert und bietet langfristige Perspektiven, etwa mit einem eigenen Betrieb.
Die Zahlen zeigen bereits eine deutliche Entwicklung: 2013 hatten nur 14,8 Prozent der neuen Azubis im Handwerk in NRW Abitur oder Fachhochschulreife. 2022 lag dieser Anteil bereits bei 22,7 Prozent.
Trotz des wachsenden Interesses bleibt die Situation für viele Betriebe schwierig. Die rund 1,1 Millionen Beschäftigten in fast 200.000 Handwerksunternehmen erwirtschaften zwar jährlich mehr als 160 Milliarden Euro Umsatz, doch der Nachwuchs fehlt weiterhin.
Besonders profitieren derzeit sogenannte Klimahandwerke etwa Dachdecker, Heizungsbauer oder Kälteanlagenbauer von der Energiewende. Hier steigt die Nachfrage nach Fachkräften besonders stark.
Eine zusätzliche Herausforderung könnte jedoch schon bald auf die Betriebe zukommen: Durch die Umstellung vom achtjährigen auf das neunjährige Gymnasium (G8 zu G9) wird es in NRW 2026 deutlich weniger Abiturienten geben. Branchenvertreter befürchten daher eine neue Lücke bei Bewerbern.
Trotz dieser Unsicherheiten sehen viele Experten im wachsenden Interesse junger Menschen ein positives Signal. Am Ende sei jedoch nicht allein der Arbeitsmarkt entscheidend, betont Weber. Ob Studium oder Ausbildung entscheidend sei vor allem, welcher Beruf zu den eigenen Interessen und Stärken passt.

