Zwischen Alpha-Mythos und neuen Rollen: Wie sich das Männerbild im Wandel befindet – Lemgo Radio Nachrichten
Kultur10 Min. Lesezeit

Zwischen Alpha-Mythos und neuen Rollen: Wie sich das Männerbild im Wandel befindet

Florian Jäger

In Politik, Forschung und Popkultur wird derzeit intensiv darüber diskutiert, wie sich Rollenbilder von Männern verändern. Anlass sind wachsende Sorgen, dass sich manche junge Männer gesellschaftlich abgehängt fühlen könnten.

In Politik, Forschung und Popkultur wird derzeit intensiv darüber diskutiert, wie sich Rollenbilder von Männern verändern. Anlass sind wachsende Sorgen, dass sich manche junge Männer gesellschaftlich abgehängt fühlen könnten. Bundesbildungsministerin Karin Prien warnte kürzlich davor, dass Jungen nicht aus dem Blick geraten dürften sonst könne ihre Anfälligkeit für Extremismus steigen.

Auch Kulturschaffende beobachten eine problematische Entwicklung. Die Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker sieht insbesondere in sozialen Netzwerken einen Mangel an positiven Vorbildern für junge Männer. Stattdessen verbreiteten sich dort häufig aggressive oder frauenfeindliche Inhalte.

Die Soziologin Sylka Scholz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena mahnt jedoch zu einer differenzierten Betrachtung. Vorstellungen von Männlichkeit seien schon immer im Wandel gewesen. Seit den 1980er-Jahren habe sich das Ideal des Mannes deutlich verändert: Weg vom distanzierten Familienernährer hin zu einem stärker präsenten Vater.

Gleichzeitig bleibe dieser Wandel widersprüchlich. Fürsorgliche Tätigkeiten würden gesellschaftlich weiterhin häufig Frauen zugeschrieben. Parallel dazu erleben autoritäre und traditionelle Männerbilder in manchen Bereichen ein Comeback.

Ein wichtiger Schauplatz dieser Entwicklung ist das Internet. In Online-Communities, die oft als „Manosphere“ bezeichnet werden, verbreiten Influencer ein besonders dominantes Männerbild. Der Autor und Comedian Aurel Mertz beschreibt in seinem Buch „Alpha Boys“, wie junge Männer dort mit Botschaften über Disziplin, Härte und körperliche Stärke konfrontiert werden. Häufig seien diese Botschaften mit Fitnesskult, Protein-Diäten und der Abwertung von Frauen verbunden.

Das zentrale Symbol dieser Szene ist der sogenannte „Alpha“-Mann ein Begriff, der ursprünglich aus der Tierforschung stammt. Doch die Vorstellung vom dominanten „Alphawolf“ gilt in der modernen Verhaltensforschung längst als überholt. Dennoch hält sich das Bild als Projektionsfläche für männliche Selbstbilder hartnäckig.

Auch die Popkultur prägt Vorstellungen von Männlichkeit. Klassische Westernfilme mit Schauspielern wie John Wayne präsentierten jahrzehntelang den wortkargen Einzelgänger, der Konflikte mit Härte und Entschlossenheit löst. Emotionale Zweifel oder Verletzlichkeit spielten dabei meist nur eine Nebenrolle.

Moderne Serien erzählen dagegen häufig komplexere Geschichten. Streamingproduktionen zeigen Männer zunehmend als Suchende, die mit Unsicherheiten, Beziehungen und gesellschaftlichen Erwartungen ringen. Ein Beispiel ist die Serie Adolescence, in der Jugendliche durch Online-Foren radikalisiert werden und Männlichkeit im digitalen Raum ständig neu inszenieren.

Gleichzeitig entstehen in Film und Fernsehen auch Gegenentwürfe: Männerfiguren, die fürsorglich sind, scheitern dürfen oder offen über Gefühle sprechen. Dennoch konkurrieren diese Bilder weiterhin mit stark überzeichneten, hypermaskulinen Idealen, die besonders in sozialen Netzwerken große Aufmerksamkeit erhalten.

Ein einheitliches neues Männerbild lässt sich daher kaum erkennen. Stattdessen existieren verschiedene Modelle nebeneinander zwischen Gleichberechtigung und Dominanz, Fürsorge und Abgrenzung. Entscheidend ist laut Forschung jedoch nicht nur das kulturelle Leitbild, sondern auch die sozialen Chancen junger Männer.

Ob sie sich als Verlierer oder als Teil einer vielfältigen Gesellschaft wahrnehmen, hängt letztlich nicht nur von Vorbildern im Netz ab, sondern von realen Perspektiven in Bildung, Familie und Beruf.

Lemgo Radio

Jetzt einschalten!